Morgentau & Unhold
...
Die kleine Elfe Morgentau war durch ein Loch in der Erde gefallen und findet sich in einer großen Erdhöle wieder. Sie kann nichts sehen, da ihre Augen an das helle Tageslicht gewohnt sind. Ihr gesammter kleiner Körper schmerzt vom Sturz. Doch ganz besondere Qualen bereitet Ihr ihr rechter Flügel: er ist gebrochen - das Schlimmste, was einer kleinen Elfe passieren kann. Entsetzen überfällt sie, denn wie sollte sie nun wieder an die Erdoberfläche gelangen? Sie ruft um Hilfe, doch ihre zarte Stimme kann nicht an die Oberfläche gelangen. Verzweifelt sieht sie zum Tageslicht, das durch das schmale Erdloch weit über ihr zu sehen ist - blauer Himmel, duftende Pflanzen, fröhliches Vogelgezwitscher. Dann versucht sie etwas zu erkennen in der Höhle, in der sie gefangen ist - vielleicht gibt es ja einen Ausgang oder eine Wurzel, an der sie hochklettern kann. Doch ihre ans Sonnenlicht gewöhnten Augen können nichts erkennen.
Aber ihre Ohren vernehmen ein dumpfes, rhythmisches Klopfen und Rasseln - ganz leise und weit entfernt. Angestrengt versucht sie diese Laute zuzuorden, aber nichts Bekanntes fällt ihr zu diesen Geräuschen ein. Je intensiever sie lauscht, desto deutlicher und lauter wird es: es kommt näher! Bedrohlich näher! Plötzlich ist es still. Was ist jetzt los? Diese Stille ist jetzt noch quälender wie das Geräusch vorher. An ihren Wangen spürt sie einen Windhauch, der aus dem Dunkel vor ihr kommt - warm und unheilvoll.
Unaussprechbar langsam schiebt sich ihr etwas näher. Und nun erkennt sie eine Art Gesicht - oder besser eine rote, teuflische Fratze, ausgemerkelt und dürr, die Augen unerkennbar in den Augenhölen versunken. Maßloses Entsetzen lähmt die kleine Elfe. Sie kann ihre Augen nicht von dem Unhold lassen. Lange, sehr lange - eine halbe Ewigkeit für die kleine Elfe - betrachtet der Unhold sie - reglos und starr, nur sein Atem berührt sie. Dann senkt er seinen Blick auf die Blüten und Blätter, die die kleine Elfe beim Sturz mit herunter gerissen hat.
...
Alles, an das sich der Unhold erinnern kann, sind diese unterirdischen Gänge - dunkel, modrig, der Geruch nach Erde und Pilzen, Kälte. Ab und zu ein unvorsichtiger Wurm, der sofort verschlungen wird, ewig hungrig. Das Kriechen durch die Gänge ist mühsam, da die Hörner an seinem Kopf nach oben ragen und er sich daher immer ducken muß. Vor allem aber stören ihn die Ketten, die an allen seinen Klauen befestigt sind und seine derbe Haut wund scheuern.
...
zurück zur Geschichten-Übersicht
|